Die Sage vom Nonnenfelsen im Schwarzwassertale

Unweit von Hartenstein liegt die Ruine Isenburg. Hier hauste vor vielen, vielen Jahren der schlimme Graf Iso, von dem die Leute erzählten, dass er sich vor nichts fürchte, selbst vor dem Teufel nicht, und dass ihm nichts heilig sei außer Isa, seiner wunderschönen Tochter.

Einst saß Graf Iso zu mitternächtiger Stunde in seiner Burg beim Weinkrug und langweilte sich sehr. "Wenn ich nur einen Zechgenossen hätte", murmelte er, "und wenn's der Teufel wäre! Mir sollte es recht sein!" Da stand der Böse plötzlich vor ihm und forderte ihn zum Würfelspiel auf. Der Graf, der ein leidenschaftlicher Spieler war, war's zufrieden. Mancher Wurf ward getan, der Graf verlor fortwährend, und schließlich hatte er alles verspielt: Haus und Hof, Knechte und Mägde, zuletzt sich selbst.

Da sprach der Teufel: "Lass uns einen letzten Wurf tun. Ich setze meinen ganzen heutigen Gewinn, und du setzt deine Tochter Isa." Der Graf wollte erst nicht und weigerte sich lange. Schließlich tat er einen gewaltigen Zug aus seinem Weinhumpen und schrie: "Gut! Es gilt!" Er würfelte und warf 12 Augen. Doch er triumphierte zu früh, denn der Teufel warf eine 13. Ein gewaltiger Donnerschlag begleitete den Wurf.

Da sprang Iso auf, riss sein Schwert aus der Scheide und wollte den Teufel niederschlagen. Der aber hauchte ihn mit seinem schwefeligen Atem an, und Iso sank kraftlos in seinen Stuhl zurück. "Weh! - Niemals sollst du meine Isa haben!" knirschte er dabei. Da schlug ihm der Teufel vor: "Entweder gibst du Isa deinem Todfeinde Riedhard von Eisenbrück oder lässt sie Nonne werden!" Beides war dem Grafen gleich verhasst, und er sann darauf, wie er den Teufel betrügen könnte. Da es auf Mitternacht ging, drängte der Teufel auf Entscheidung und drohte, den Grafen mitzunehmen. Da gelobte dieser, Isa ins Kloster zu bringen. Darauf vrschwand der Satan mit Hohnlachen in einer blauen Wolke.

Bald schlossen sich hinter der schönen, jungen Isa die Pforten des Klosters [in Grünhain], hinter denen sie als Nonne Barbara den Rest ihres Lebens zubringen sollte. Tiefer Gram drohte die blühende Schöhnheit des armen Burgfräuleins zu zerstören. Nach kurzer Zeit aber fand sich allabendlich im Dunkel eine vermummte Gestalt an der westlichen Klostermauer ein, die im Morgengrauen wieder verschwand. Eines Morgens war Schwester Barbara verschwunden. Man setzte ihr nach, Klosterknechte mit Spürhunden folgten ihren Spuren, doch die Flüchtigen - Vater und Tochter - waren nicht zu finden in den dichten, unzugänglichen Wäldern. Endlich am dritten Tage nach der Flucht, gelang es, die beiden Flüchtlinge zu stellen. Diese waren auf einem hohen Felsen angelangt, der jäh ins Schwarzwasser abfiel. Schon waren die Verfolger heran, da tönte ein erschütternder Schrei. Iso und seine Tochter Isa hatten den gefährlichen Sprung in die schauerliche Tiefe gewagt und waren verschwunden. Hunde und Häscher konnten keine Spur von ihnen finden, nicht in den Wellen des Schwarzwassers, auch nicht in den Wäldern des Gebirges.

Der Felsen aber bedeckte sich mit schwefligem Gelb, und noch heute nennt ihn der Volksmund den "Nonnenfelsen". (Er liegt gegenüber dem Bahnhof Erlabrunn.)


Aus: Hermann Hallbauer/Horst Henschel, Der Sagenschatz des Erzgebirges. 1. Teil: Der Sagenschatz des Schwarzwassergebietes, Schwarzenberg 1934, S. 54, 56.

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